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Fritz (Friedrich) Schnell - Flachsröste Lohhof
Biografie

Fritz (Friedrich) Schnell
geboren am 9.9.1872 in Augsburg
Beruf: Rechtsanwalt u. Schriftsteller, Justizrat
Familienstand: verwitwet
Opfergruppe: Als Jüdinnen und Juden Verfolgte
Deportiert am 23.7.1942 nach Theresienstadt
ermordet am 1.2.1943 in Theresienstadt
Biografie:
Fritz Schnell besuchte das Gymnasium St. Anna in Augsburg und legte dort 1891 das Abitur ab. Dann studierte er an der Universität Erlangen Jura - 1894 ein Semester in Genf, Schweiz (lt. PMB Studium in München: WS 93/94, SS 94, WS 94/95, WS 95/96, SS 96) -, absolvierte 1897 sein Referendarexamen und 1900 den Staatskonkurs. Am 1. Weltkrieg nahm er als Kanonier im 1. Feldart. Regiment teil. Neben seiner Rechtsanwaltstätigkeit war er auch Vortragsredner und Schriftsteller, er schrieb über den Augsburger Frühkapitalismus und die Zeit der Entdeckungen. 1928 befand sich seine Kanzlei in der Luisenstraße 1/I, zuletzt unterhielt er mit Oscar Maron in der Pettenkoferstraße 9, Rückgebäude, eine Kanzlei. Die gesamte Familie trat im April 1922 aus dem Judentum aus. Seine Tochter Grethe, Wohlfahrtspflegerin, meldete sich im Dezember 1934 nach Kaufbeuren ab, sie emigrierte im März 1939 von Neapel nach Buenos Aires, Argentinien. Über Tochter Bertha liegt die letzte Meldung aus dem Jahre 1925 vor (wohnte bei den Eltern, allerdings kein Austrag aus dem Hausbogen). Bis 1942 leistete er Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof. Als ein Kontingent zur "Evakuierung" zusammengestellt werden sollte, wurde er aufgrund seines Alters diesem zugeteilt. Er kam (Transportnr. 934) mit seinem Bruder Hermann (Transportnr. 935) und seiner Schwägerin Rosa (Transportnr. 936) am 24.07.1942 mit Transport II/19 nach Theresienstadt. Von den insgesamt 50 Personen dieses Transportes überlebten 16. Laut Todesfallmeldung des Ältestenrates starb Dr. Schnell am 01.02.1943 um 16.30 in Zimmer 10 des Gebäudes L 106 an den Folgen einer "Lungenentzündung". Abschiedsbrief an eine Bekannte, Frau Anna Starke in Lindau: München, Freitag 10. Juli 1942 Liebes, verehrtes Frl. Starke! Möglicherweise gelangt dieser Brief eine Anzahl von Tagen später in Ihre Hände, als das Datum angibt. Aber ich muß ihn schon heute schreiben. Wenn er abgesendet wird, so bedeutet das, daß ich den Deportationsbefehl erhalten habe, den Auftrag, mich zur Abholung in das Milbertshofener Judenlager bereit zu halten, von wo aus die Abschubungen in den Osten erfolgen. Seit einigen Wochen ist hier ein wilder Abtransport älterer "Nichtarier" im Werk; zuerst wurden die Krankenheime und Altersheime geräumt, alte, kranke Leute von 80 u. über 90 Jahren, Blinde, Lahme, Kriegsinvaliden etc. etc. weggeschafft und seitdem muß alles, was über 65 Jahre alt ist, daran glauben. die Leute werden tatsächlich "mit nichts als ihren politischen und sanitären Krankheiten" weggebracht; denn im Sammellager von Milbertshofen wird ihnen vieles von der sparsamen Habe, die sie überhaupt mitnehmen dürfen, (Gesamtgewicht 30 kg, in kl. Koffer mit etwat Wäsche, 1 Anzug, 1 Decke mit nötigstem Kochgeschirr, kein Wasser, keine Schere, keine Rasierklinge!, Proviant für 2 bzw. 4 Tage, abgenommen und oft verschwinden die Koffer überhaupt u. kommen niemals an. die alten Leute sollen ins nördliche Böhmen kommen, von wo aus sie angeblich übers Land verteilt werden; die jüngeren kommen ins verwanzte und verlauste Polen, bzw. in streng abgeschlossene Ghettos. Mit der Verpflegung sieht es in beiden Fällen äußerst windig aus; "Juden, die nicht arbeiten" sind ohnehin nur auf den unbedingt nötigen Lebensbedarf gesetzt, also alle Alten! Auch mit der Postverbindung ... als bedenklich. U.s.w. u.s.w. die Aussichten sind also recht übel, bisher war ich gesund und wohlauf; hoffen wir, daß ich auch bei genügend Kost, als mein l. Frl. R. sie gibt, aushalte, die ist nämlich sehr pessimistisch und traut mir längeres Aushalten bei Hunger nicht zu!!!..... Von unserer 15 Mann starken Lohhofer Arbeitskommando Gruppe sind jetzt 10 zur Evakuation abgerufen, heute Mittag durfte ich heim, um nachzusehen, ob nicht ein entsprechendes Brieferl für mich da ist. das war nicht der Fall; aber es kann jeden Tag kommen. Von den 5, vorerst nicht Evakuations-Reifen lebt einer in gemischter Ehe, einer ist katholisch (Ich bin ja auch nicht Konfessionsjude!) u.s.w. u.s.w.; wir werden aber zuletzt verspeist..... Damit nehme ich von Ihnen Abschied. An ein Wiedersehen glaube ich, offengestanden, nicht mehr; u. an die Möglichkeit einer postalischen Verbindung recht schwarz. Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen für alle Freundschaft, die Sie meiner Gretel u. mit stets erwiesen haben, für all das Liebe und Gute, das von Ihnen kam und die immer düsterer werdenen Tage verschönte. Einen Liebesdienst möchte ich von Ihnen noch haben; daß Sie meinen Abschiedsbrief an Gretel, der beiliegt, sicher an ihre Adresse (G. S., c/o: Enrique Wydler, Pension Schmitt, Mendoze 2795, B.A. Arg) befördern. Das pressiert gar nicht, es kann auch nach Kriegsende geschehen! Ob persönliche oder Luftpost, steht in Ihrem Ermessen. Natürlich werde ich Gretel von hier aus auch schreiben; dabei muß ich aber auf die Censur Rücksicht nehmen. Vielleicht gelingt es Ihnen aber einmal, den anliegenden Brief etwa von der Schweiz aus oder auf sonstige unangefochtene Weise zu befördern. Wie es Ihnen geeignet scheint. Gelegentlich einmal, wenn es die Zeiten zulassen. Wenigstens Dank im voraus. Leben Sie recht wohl! Ich werde Ihnen stets aufs treueste gedenken. Lassen Sie sich's nur so gut gehen, als möglich ist. Mit den innigsten Wünschen und herzlichsten Grüßen Ihr F. Schnell